G4S Vorstand zur Wirtschaftslage

  • 27 Aug 2015 10:58
Dr. Matthias Wechner kritisiert Nicht-Entscheidungen der Politik, die auch seinen Konzern betreffen.

KURIER: Angesichts der lauter werdenden Rufe nach mehr Sicherheit, sowohl wegen steigender Einbruchszahlen als auch wegen der verstärkten Bedrohung durch Terror, muss es Ihrem Unternehmen doch gut gehen?
Matthias Wechner:
 Wir hatten 2014 mit einem Umsatzplus von zehn Prozent das beste Jahr in der Unternehmensgeschichte. Doch die Aussichten für die nächsten Jahre sind sehr verhalten.

Warum?
Ich sehe mich als Dienstleister und als Partner der Industrie. Ich helfe bei Aufgaben und Prozessen, die nicht zu deren Kernkompetenz gehören. Es gibt keine Branche, in der wir nicht sind und wir sind somit auch Gradmesser für die Stimmung in der Wirtschaft. Es fällt uns auf, dass die Stimmung sehr verhalten und abwartend ist. Das ist aber das Schlimmste, wenn keine Entscheidungen getroffen werden.

Wie wird es weitergehen?
Es droht eine Abwanderung von Industrie und Produktion. Davon wären auch Dienstleister massiv betroffen. Es ist ein Irrglaube zu sagen, forschen und entwickeln tun wir hier, produzieren woanders. Dort, wo produziert wird, wandert auch die Forschung hin.

Aber es gibt nun doch eh eine Steuerreform, die so viel Gutes bringen soll ...
Da sind durchaus gute Ansätze drin, etwa den Konsum zu fördern ist wichtig, aber wir haben noch nicht die Marathondistanz bewältigt, nur die Hälfte. Wir brauchen dringend weitere Schritte. Es fehlt noch der Impuls für die Wirtschaft. Das kann es noch nicht gewesen sein.

Diese Maßnahmen kommen ja angeblich alle noch.
Aber wissen Sie, welche?

Lohnnebenkosten senken. Aber mehr ist dazu nicht bekannt.
Genau, das höre ich zwar auch, aber konkrete Ideen dazu sehe ich nicht. Genau das ist aber das Thema. Wirtschaft ist auch sehr viel Psychologie. Wenn es keine genauen Pläne gibt, führt dies in Unternehmen wiederum zu Nicht-Entscheidungen. Das wirkt sich auch auf die Beschäftigung aus. Wir sind eines der wenigen Länder, wo die Arbeitslosigkeit steigt. Die Unternehmen können das ändern, aber die Rahmenbedingungen und die Anreize müssen von der Politik kommen. Und es kommt noch etwas hinzu.

Das wäre?
Vermögens- und Millionärssteuer wird immer mit Unternehmer gleichgesetzt. Sie haben das Gefühl, sie sind ein bissl der Klassenfeind. Das ist höchst gefährlich, solche Signale an Unternehmen zu senden. Wenn man in einem internationalen Konzern sitzt und solche Sachen der Zentrale meldet, dann wird das dort überhaupt nicht verstanden.

Gibt es ein konkretes Beispiel aus Ihrer Branche?
Bereits zum vierten Mal steht in einem Regierungsprogramm der Plan zu einem Gesetz zu privaten Sicherheitsdienstleistern. Bis heute gibt es nichts. Das ist im europäischen Vergleich einzigartig. Da sollen unter anderem Mindest-Ausbildungsstandards drinnen stehen. Wir wollen keine Ersatzpolizei sein, aber als verlässlicher Dienstleister zur Verfügung stehen. Denn wir sind in sensiblen Bereichen tätig. Kunden, die Angebote einholen, sollten von einem gewissen Minimum an Ausbildung ausgehen dürfen.

Wie ist das bei G4S?
Gesetzlich muss der Mitarbeiter volljährig sein und eine Unbedenklichkeitsüberprüfung durch die Polizei bestehen. Danach gibt es keine Checks mehr. Wir machen eine dreitägige Grundausbildung auf unsere Kosten. Zudem gibt es spezielle Zusatzmodule, etwa für die Bewachung von Botschaften. Mitbewerber ersparen sich diese Kosten gerne und haben so einen Wettbewerbsvorteil. Zudem ist die Fluktuation in der Branche hoch, weil sich die Bezahlung nach der Verwendung richtet. Bei einem Juwelier etwa gibt es 50 oder 100 Cent in der Stunde mehr. Und Frauen kommen nach der Karenz als Überbrückung zu uns, etwa als Rezeptionistin, und wechseln später in einen Bürojob.

Es gibt auch immer wieder große Bedenken, hoheitliche Aufgaben an Private auszulagern.
Das kann ich nachvollziehen. Aber das Beispiel Schubhaftzentrum Vordernberg zeigt uns, dass es funktionieren kann und es macht auch Sinn. Aber nur, wenn man die Spielregeln für beide Seiten klar definiert. In Vordernberg haben sich beide Seiten darum sehr bemüht. Es gibt zum einen Bereiche, die ein Privater effizienter als der Staat machen kann. Zum anderen: Wenn ich es schaffe, Randtätigkeiten der hoheitlichen Verwaltung abzugeben, kann sich der Staat besser um seine Kernkompetenzen bemühen. Im Fall Vordernberg können mehr Polizisten auf die Straße gehen und Kriminalität bekämpfen.

Ist Vordernberg ein Türöffner für dieses Geschäftsfeld?
Ich denke ja. Jeder ist herzlich eingeladen, das Zentrum zu besuchen. Es funktioniert auch in anderen Ländern. Wir stehen auch jederzeit bei dem neuen geplanten Gefängnis in Wien mit Know-how zur Verfügung.

Quelle: Kurier 

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